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Ticino Inferiore 2016

Ungefähr vor einem Jahr hatten mein Paddelbruder Dirk und ich das erste Mal davon gehört, dass der Fluss Ticino, welchen wir in der Schweiz kennen, seine Reise nach dem Lago Maggiore durch Italien fortsetzt und zudem in unseren Breitengraden einer der schönsten und wildesten Wanderflüsse für Canadier sein soll. Das Lesen von Schlagwörtern wie “wild campen”, “Wochentour”, “unverbaut”, “natürlich” und “WW1-2” haben uns dann schnell klar gemacht, dass dies unsere nächste längere Tour sein soll.

Vorbereitung

Als Vorbereitung hatten wir an Auffahrt im Mai 2016 den Ticino in der Schweiz mit unserem Faltkanadier Nautiraid Rando 520 befahren, wovon wir auch ein Video gemacht haben:


Video unserer Tour auf dem schweizer Teil des Ticino

Einen Monat später ging es im Juni 2016 endlich daran den grossen Bruder in Italien, den Ticino Inferiore zu erkunden. Anders als zum schweizer Teil findet man über den italienischen Teil kaum verlässliche Informationen. Der Fluss ändert sich Jahr für Jahr entweder durch Hochwasser oder weil Dämme verschwinden und ein paar Jahre später wieder aufgeschüttet werden, selbst ganze Brücken kommen und gehen, weshalb ein Bericht “vom letzten Jahr” nur bedingt hilfreich ist. In Italien denkt auch niemand daran, dass es verrückte Leute gibt die mit einem Kanu den Ticino runter wollen, so fehlen irgendwelche Hinweis Schilder gänzlich und Auswasserstellen vor Gefahrenstellen sucht man ebenfalls vergeblich.

Zudem liegen so gut wie keine hydrologischen Daten vor, so dass man nur ungefähr anhand des Abflusses am Lago Maggiore abschätzen kann wie die Wassermenge im Fluss ist. Das Ganze wird abgerundent von sehr, sehr, sehr vielen Bäumen die längs und quer im Fluss liegen und da wohl auch bleiben bis das nächste Hochwasser sie ans Ufer oder die nächste Sandbank spült.

So war die anstehende Tour in vielen Belangen für uns etwas Neues das wir noch nicht gemacht hatten. Bisher waren wir nur auf schweizer Gewässer unterwegs, max. zwei Übernachtungen auf Campingplätzen, mit kilometergenauer Beschreibung der Tour, Essen vom Supermarkt, immer nahe der Zivilisation die auch unsere Sprache spricht und verhältnismässig wenig Gewicht zu tragen.

Für die geplante Tour auf dem Ticino standen uns nur ein paar Google Maps Ausdrucke zur Verfügung und diverse Berichte von anderen Kanuten welche die Tour schon gemacht hatten. Von unschätzbaren Wert waren dabei die Tourenbeschreibungen von www.faltboot.org und http://crashdump.ch/tom/Ticino.htm, letzteres hat Thomas “happy landing” freundlicher Weise wieder online gestellt, sowie die Beiträge und PMs im http://www.canadierforum.de/. So hatten wir zumindest eine gewisse Ahnung, worauf wir achten und wo wir aufpassen müssen.

Geschlafen haben wir auf Sand- und Kiesbänken die uns gemütlich vorkamen, vier Nächte lang mit kaum Möglichkeiten an Verpflegung zu kommen, das Essen was wir mitnahmen musste die Hitze überstehen, Wasser mussten wir aus dem Fluss pumpen und all das Gepäck musste irgendwie Platz in unserem 5.20m Canadier finden.

Tourenkarte

Auf der unten stehenden Karte sind nebst der Einstiegstelle in Maddalena, Somma Lombardo und der Ausstiegstelle in Pavia auch die Inseln verzeichnet auf denen wir genächtigt haben (best effort, sind nicht bei jeder Insel sicher) und andere nennenswerte Stationen die auch im Journal erwähnt werden.


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Ausrüstung

Bei der Nahrung hatten wir uns für Fertigprodukte entscheiden wie Pasta, Reis und Suppen und dazu alles mögliche an Selbstgetrocknetem, wie Strauss/Kalb Jerky, Hack, Gemüse, Pilze, Zwiebeln, Äpfel, dazu noch Bratensauce und Tomatenmark.

Die Ausrüstung war auf einen 130L Dufflebag sowie einen 60L und einen 30L Rucksack verteilt (wasserdicht). Für die Tour haben wir uns den Luxus eines zweiten Klapp-Bootswagen gegönnt, so konnte die grosse Tasche mit knapp 40KG auf einen und das verpackte Boot auf den anderen Wagen geschnallt werden, was das Reisen mit ÖV ungemein erleichtert hat.

Unser Gepäck bei der Einwasserstelle in Maddalena, Somma Lombardo
Unser Gepäck bei der Einwasserstelle in Maddalena, Somma Lombardo

Meteo- und Hydrologie

Während unserer Tour betrug der Abfluss am Lago Maggiore zwischen 400-500m/s, was gem. diversen Berichten an der Grenze zum Machbaren, wenn nicht sogar schon leicht drüber sein soll (uns wurden 350-400m/s als Maximum genannt). Wir waren deswegen vor Antritt der Tour schon etwas angespannt und wussten nicht so recht, was uns da erwarten wird. Im Nachhinein betrachtet sind wir uns aber beide einig, dass wir den Fluss nicht bei weniger Wasser hätten fahren wollen, weil wir wohl öfters aufgesessen wären und die ganze Navigation etwas “trickier” gewesen wäre um die Inseln herum. Wir hatten auch keine Probleme freie Sandbänke zu finden, einzig bei einer Brücke hätten wir uns gewünscht bei halbem Wasserstand unterwegs zu sein (siehe Tag 3).

abfluss2
Verlauf des Abfluss am Lago Maggiore (blaue Linie). Von dem “Spike” am Ende der Tour haben wir nichts bemerkt, der gelbe Balken markiert den Zeitraum der Tour

Mit dem Wetter hatten wir auch recht Glück, die meiste Zeit war es tagsüber sonnig warm, ab und an hat es Nachts für ein paar Minuten geregnet. Zwei Gewitternächte hatten wir allerdings draussen recht exponiert zu überstehen, während einer Nacht hat es zudem geschüttet wie aus Kübeln (Tag 3 und 4).

wetter
Wetterbericht während unserer Tour

Weiter gehts auf den nächsten Seiten mit dem Tagesjournal.

2 comments

  1. Hey Anja, vielen Dank, freut mich hat es Dir gefallen 😉

    Todesangst in dem Sinne hatte ich nur beim Gewitter, was ich so exponiert bis dato noch nie erlebt habe und seit da, ein paar Wochen, später leider nochmals in stark gesteigerter Form erleben musste. Mitlerweile bin ich Gewitter Profi 😀

  2. Haha, habe mich köstlich amüsiert beim Lesen. Toll geschrieben. Die existenzielle Todesangst der Städter in der Wildniss kommt echt gut rüber.

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